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Vegan oder nicht? Pflanzliche Ernährung auf dem Prüfstand

Ist vegane Ernährung besser?

Vor einem guten Jahr hätte ich diesen Blog noch als Plattform zur möglichst flächendeckenden Veganisierung meiner Umwelt genutzt. Ich war absolut überzeugt davon, dass Veganismus die beste und einzig richtige Form der Ernährung ist und ausschließlich Vorteile mit sich bringt. Dies lässt einen die einschlägige Literatur, die gerade den Markt überschwemmt, auch ohne Zweifel glauben. Unzählige Experten sind plötzlich zur Stelle, um das früher eher verrufene Öko-Image des gemeinen Veganers umzukrempeln in einen trendigen Lifestyle, der mit Attributen wie „fair„, „verantwortungsbewusst„ und „ethisch korrekt„ aufwartet. Es ist nicht mehr nur die Einstellung zum Fleischkonsum, sondern eine (endgültige!) Lebensentscheidung, die den Veganer definiert. 

Veganer sind die Guten!

Ein Veganer meidet Nahrungsmittel tierischen Ursprungs sowie die Nutzung tierischer Erzeugnisse wie Wolle, Seide, Leder. Ein Veganer kümmert sich um Tierrechte, Umweltschutz, die Welternährung und nicht zuletzt um seine Gesundheit. Veganer sind die Guten.

Woran erkennt man einen Veganer? – Er wird es Dir sagen.

Der neue Stern (09/15) vergleicht den Verzicht auf Lebensmittel sehr treffend mit einer neuen Religion. „Essen, dieses Urbedürfnis, schickt sich an, zur Religion der Neuzeit für all jene zu werden, die nicht mehr in Deutschlands Kirchen nach Erlösung trachten, sondern Körperoptimierung, Moral und Selbstkontrolle ins Zentrum ihres Strebens rücken. Das oberste Gebot: Nur wer entsagt, ist wirklich rein.„

Man muss schon lange suchen, um fundierte Stimmen gegen den Veganismus zu finden. Diejenigen, die ihre Stimme erheben, sind häufig militante Fleischesser, die sich den Konsum nicht verbieten oder durch ein schlechtes Gewissen trüben lassen möchten. Ein Veganer, der vegan leben möchte, findet eine breite Community aus seinesgleichen, die jegliche Kritik an dieser Lebensweise außen vor lässt. Ein überzeugter Veganer glaubt nicht an Mangelernährung. Er lernt, dass jedes tierische Produkt einfach durch ein pflanzliches ersetzt werden kann. Der Markt gibt ihm scheinbar recht: In meinem Bioladen des Vertrauens finden sich direkt neben Wurst, Käse und Fertigfrikadellen entsprechende tierfreie Alternativen, die dem Original in Textur und Geschmack, wenn auch nicht in Inhaltsstoffen, nachempfunden sind. Dass diese hoch verarbeitet und doppelt so teuer sind, stört den Veganer nicht. Es geht hier schließlich um Ethik und ein reines Gewissen.

Vegan und Gesundheit

Ich möchte heute auf den gesundheitlichen Aspekt veganer Ernährung eingehen. Ein gängiges Credo: Veganer sind die gesünderen Menschen.

Korrelation heißt nicht Kausalität

Eine viel zitierte Studie, die eine Korrelation zwischen zahlreichen Krankheiten und dem Verzehr von tierischem Eiweiß herstellen will, ist die China Study von Prof. Dr. T. Colin Campbell. Hier geht es tatsächlich isoliert um den gesundheitlichen Aspekt, nicht um tierethische Gründe für eine pflanzliche Ernährung. Es handelt sich bei der China Study um eine epidemiologische Studie, die auf dem China-Cornell-Oxford-Project beruht. Im Rahmen des Projektes wurden seit 1983 die Gesundheitsdaten von 6500 Menschen aus China erhoben. Wissenschaftlich gesehen ist dies keine schlechte Idee: Im ländlichen China ist die Bevölkerung groß, die Mobilität hingegen eher gering. Auch behalten viele Chinesen ihren Lebensstil ein Leben lang bei. Die Ernährung ist regional geprägt und ändert sich im Laufe der Jahre nicht oder nur kaum. 90% der Chinesen leben und sterben im gleichen Landkreis, in dem sie geboren wurden.

Noch bekannter als die eigentliche Studie ist in Deutschland der Film „Gabel statt Skalpell„, in dem u.a. der Autor der Studie am Beispiel erkrankter Amerikaner darlegen möchte, dass eine Umstellung auf eine vegane Ernährung zum Rückgang von Krankheiten führen kann. Die Umstellung auf eine rein pflanzliche Ernährung bedeutete für die meisten Patienten im Film, dass sie gleichzeitig keinen raffinierten Zucker, kein Fast Food und keine Weißmehlprodukte im Überfluss mehr zu sich nahmen sowie ihre körperliche Aktivität massiv anstieg. Das macht mich skeptisch, wo doch Grundaussage lautet: „Der Schlüssel zur Gesundheit liegt ausschließlich im Verzicht auf tierische Produkte„.

Die China Study ist eine immense Sammlung sorgfältig zusammengestellter Daten. Kritisch zu betrachten ist, dass eine Kausalität zwischen den Daten und einer erwarteten Wahrheit hergestellt wird. Campbell ging mit der Annahme in die Studie, dass tierisches Eiweiß zu bestimmten Krankheiten führt. Die Daten wurden nicht gesammelt, um diese neutral auswerten zu können, sondern um die Theorie, die bereits feststand, zu beweisen. Korrelation heißt nicht Kausalität.

Denise Minger gilt als eine der wichtigsten, „lautesten„ Kritikerinnen der China Study. Sie hat die Rohdaten ausgewertet und stellt in ihren ausführlichen Abhandlungen beispielsweise fest, dass aus den Daten herausgelesen werden kann, dass nicht tierisches Protein, sondern Pflanzenprotein mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht werden kann. Weiterhin bleibt ein möglicher Zusammenhang zwischen Weizenmehl und Krankheiten wie Krebs, Herzkrankheiten und Schlaganfällen von Campbell unbeachtet. Stattdessen wird Cholesterin, das laut Campbell hauptsächlich über Fleisch, Eier und Milchprodukte in unseren Körper gelangt, als Verursacher von koronaren Herzkrankheiten gesehen, wobei diese Behauptung nach aktuellen Studien als überholt gilt. Eine Studie im zugehörigen Film „Gabel statt Skalpell„, die beweisen soll, dass die Sterblichkeit von Norwegern während des 2. Weltkrieges drastisch zurück ging, nachdem der Fleischverzehr rapide heruntergefahren wurde, lässt außer Acht, dass der Fisch- und Gemüseverzehr in dieser Zeit rapide anstieg. Dies sind nur einige Beobachtungen…

Ob nun die eine oder andere Auslegung der Daten näher an der Wahrheit ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Dass hier aber alles andere als Eindeutigkeit herrscht, dürfte ersichtlich geworden sein.

Ironischerweise hat Campbell behauptet, dass alle Stoffe in unserer Nahrung zusammenwirken, um ein gesundes oder schädigendes Lebensmittel zu erzeugen. Je eher wir denken, dass ein einzelner chemischer Inhaltsstoff charakteristisch für ein ganzes Lebensmittel ist, umso mehr steuern wir in Richtung Dummheit. Das unterschreibe ich.

Everything in food works together to create health or disease. The more we think that a single chemical characterizes a whole food, the more we stray into idiocy.

Neben der China Study sind ungezählte weitere literarische Werke auf dem Markt, die uns Veganismus als einzige Wahrheit verkaufen. Versteh mich nicht falsch: Pflanzliche Ernährung ist top! In Pflanzen sind so unglaublich viele, für den Menschen wichtige Inhaltsstoffe, dass eine Ernährung, in der pflanzliche Produkte die große Basis darstellen, in ausnahmslos allen Studien, die mir bekannt sind, als empfehlenswert dargestellt wird. Punkt.

Dass jedoch der Konsum bereits geringster Mengen tierischer Produkte die Wahrscheinlichkeit von Erkrankungen erhöht, ist wissenschaftlich nicht haltbar, auch wenn es so schön einfach wäre. Nur, weil wir in der heutigen Zeit insgesamt zu viel „Tier essen„, ist „ausnahmslos kein Tier essen„ nicht automatisch die richtige Antwort auf die Krankheits-Probleme der heutigen Zeit. Warum sonst müssen Veganer darauf achten, dass sie mit diversen Stoffen, die für den Menschen wichtig und vornehmlich in tierischen Lebensmitteln enthalten sind, nicht unterversorgt sind? Dazu gehören z.B. Vitamin B12, Vitamin D3, Calcium, Zink und Riboflavin.

Fazit

Bleib kritisch! Ich glaube, dass alles, was einem als universelle und einzig richtige Wahrheit verkauft wird, einen dicken Haken hat (den ich regelmäßig finde).

Vegan leben? Temporär ist das sicher eine gute Idee. Bei aller Kritik, fest steht: Der neue Veganismus predigt nicht den Verzicht, sondern den Genuss. Ich empfehle jedem, der sich mit gesunder Ernährung beschäftigt, einmal für einen bestimmten Zeitraum bewusst auf tierische Produkte zu verzichten. Dies kann an einem bestimmten Tagin der Woche oder als Challenge für vier Wochen am Stück sein. Es lohnt sich:

  • Weil man trotz Verzicht auf tierische Produkte nicht gleich umfällt.
  • Weil man tolle, neue Lebensmittel kennen lernt.
  • Weil es heutzutage relativ einfach ist, auf tierische Produkte zu verzichten.
  • Weil temporärer Verzicht den Blick schärft und den Horizont erweitert.

Dauerhaft empfehle ich eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung, die neben pflanzlichen Bestandteilen auch tierische Bestandteile aufweist. Die wissenschaftliche Basis, die uns einen gesundheitlichen Vorteil durch eine rein pflanzliche Ernährung verspricht, ist mehr als wackelig.

In diesem Sinne: Bleib kritisch – und gesund!

ena

P.S.: Wer des Englischen mächtig ist, Buchtipp: Denise Minger – Death by Food Pyramid – Rezension folgt bestimmt. :-)

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